Aus dem Leben eines Oberschülers

Aus dem Leben eines Oberschülers

Ich habe gerade meinen Computer durchforstet und bin auf meiner Nostalgiereise in die nicht ganz so ferne Vergangenheit auf einen Essay gestoßen, den ich eigentlich einst für die Schülerzeitung geschrieben habe. Leider nur fand die Redaktion den Text viel zu brisant, als dass man ihn in einem solchen Medium veröffentlichen hätte können, Seinerzeit habe ich mich sogar damit gebrüstet, zensiert worden zu sein - kann immerhin nicht jeder von sich behaupten. Joke's on them, denn jetzt bestimme ich was veröffentlicht wird und was nicht. Ich möchte euch das Werk also nicht vorenthalten, und sollte sich irgendjemand davon beleidigt fühlen, nehmt's nicht pesönlich.

 

Der Teufelskreis

(oder ein Tag im Leben des stinkfaulen Durchschnittsschülers)

Zugegeben, ich bin nicht gerade das, was die Durchschnittsperson als Morgenmenschen bezeichnen würde. Ich könnte jedes Mal im Kreis kotzen, wenn mein Wecker mich jäh aus dem Schlaf zerrt. Mein Ekel vor dem Wecker geht mittlerweile so weit, dass ich regelrecht Panikattacken bekomme, wenn ich die Melodie des morgendlichen Störenfriedes tagsüber hören muss. Mit einem herzlichen „Na sieh mal einer an wer auch schon wach ist!“ werde ich begrüßt – toll, als hätte der Tag nicht schon schlimm genug angefangen. Übrigens ist das Töten legal, wenn man sich vom überlauten Schmatzen des Butter-Marmeladen-Brotes oder vom ohrenbetäubenden Lärm des Schluckens der Plörre, die man fälschlicherweise als Kaffee bezeichnet, nur, weil sie in einer Kaffeemaschine gekocht worden ist, am Frühstückstisch belästigt fühlt.

Heute ist Dienstag. Dienstag ist die nuttige kleine Schwester vom Montag; das letzte Wochenende liegt schon zu weit entfernt und vom nächsten wollen wir noch gar nicht reden – übermorgen ist ja erst Donnerstag. Also was macht man an einem so wunderbar abscheulichen Dienstag, an dem es wie aus Kübeln vom Himmel gießt und sogar der liebe Gott persönlich zu dir sagt „Scheiß drauf, ich geh wieder ins Bett“? Man geht zur Schule – es führt ja nichts drum herum. Um ehrlich zu sein, wenn ich in der ersten Klasse gewusst hätte, was auf mich zukommen würde, hätte ich schon in der ersten Woche zu den Asozialen im sarner Grundlehrgang gewechselt – leider ist es nun in der Maturaklasse zu spät dafür. Eine Frage stellt sich mir aber bis heute: Wie ist es möglich, dass einige Menschen mit einem Intelligenzquotienten im einstelligen Bereich es schaffen, mehr oder weniger problemlos eine der schwersten Schulen des Landes zu meistern? Eine Frage für die Philosophen.

Bei den Lehrern ist es auch nicht besser, wir haben Englischlehrer mit einem Akzent als kämen sie aus Hintertupfing im Griedlertal, Geschichteprofessoren mit schwerwiegenden Persönlichkeitsstörungen oder Lateinpauker mit einer Hausaufgabenzwangsneurose.

Was hält also dieser Dienstagmorgen für mich bereit? Geschichtehausaufgaben vergessen. Die Vier steht schneller im brandneuen, supereffizienten digitalen Klassenregister als ich sagen könnte „Mein Hund hat die Hausaufgaben gefressen“. Zugegebenermaßen ein Lüge – ich hab eine Katze. Aber bleiben wir beim Digi-Register. Aus der Sicht der Schüler die größte Erfindung überhaupt – so gut, dass selbst der Erfinder des Rades eifersüchtig wäre, weil er nicht selbst darauf gekommen ist. Grob geschätzt verliert man damit etwa 5 Minuten pro Schulstunde; das sind 30 Minuten am Tag, 170 in der Woche, etwa 102 Stunden pro Jahr und hochgerechnet auf eine ganze Oberschulkarriere (ohne Ehrenrunden) sind das sage und schreibe 612 Schulstunden oder 17 volle Schulwochen. Wenn ich mich also nicht verrechnet habe werden die diesjährigen ersten Klassen bei ihrer Matura in fünf Jahren ein halbes Schuljahr an das digitale Klassenbuch verloren haben. So viel Unterrichtszeit zu schinden schaffen nicht einmal die allerbesten ihres Faches. Chapeau.

Weiter geht es mit einer Doppelstunde Italienisch. Wie sollte es anders sein, sind wir im EDV-Raum; nebenbei wird geprüft. Ich bete jeden Tag zum Allmächtigen, dass ich heute nicht geprüft werden möge, leider habe ich aber vergessen, dass der ja wieder ins Bett gegangen ist. Unvorbereitet. Vier. Ist doch nur eine von vielen Noten, sage ich mir immer. Mit der nächsten Schularbeit hole ich das bestimmt wieder auf, sage ich mir immer. Irgendwie habe ich mir den Aufholkurs in der Projektwoche und die Nachprüfung im August bisher noch immer ersparen können. Ich setzte also meine Recherche zu Italo Calvino fort, während ich durch die Hintergrundgeräuschkulisse vernehme, wie meine Mitschülerin nach nur der Hälfte der Fragen, die sogar noch genau halb so schwierig waren wie meine, mit einer Neun und einem fetten Plus obendrein auf ihren Platz geht. Soviel zur Gleichberechtigung des Geschlechts. Als einziger männlicher Schüler in einer sonst reinen Mädchenklasse hat man es nicht einfach. Ich kann nicht einen größeren Ausschnitt oder einen gespitzten Push-Up BH mit Brustwarzendurchschlag tragen und bekomme dafür eine halbe Note geschenkt. Ich bekomme höchstens einen Klassenbucheintrag, wenn ich im Minirock in den Unterricht komme.

Fünfte, sechste Stunde: Deutsch, Französisch. Der anstrengendste Teil des Tages ist geschafft, normalerweise würde ich jetzt die Füße hochlegen und ein wenig Schlaf nachholen, dessen ich von meinem Wecker heute Morgen beraubt worden bin, doch seit ich beim letzten Mal aus Versehen beim Schlafen auf den von der Schulbibliothek ausgeliehenen Nathan der Weise gesabbert habe, lasse ich es lieber sein.

Nach einem anstrengenden Dienstag komme ich nach Hause; niemand ist da. Nur meine Katze gibt ein erzwungenes Raunzen von sich und legt sich dann wieder in ihr Bettchen, sie will ja sowieso nichts von mir wissen, solange ich nichts zu essen für sie habe. Ich tue es ihr gleich und lege mich ein halbes Stündchen aufs Sofa. Ich wache auf – aus dem haben Stündchen sind fünf Stunden geworden, es ist sieben Uhr abends. Panisch lasse ich meinen Blick über den morgigen Stundenplan schweifen. Latein. Da gab’s eine Hausaufgabe – egal, mache ich morgen in Englisch. Physik. Prüft, ich hab aber immer noch nicht verstanden, worum es überhaupt geht. Ich beschließe, dass es schon zu spät ist um noch etwas zu machen – der Tag war ja schon anstrengend genug. Stattdessen schaue ich mir noch schnell die vierte Staffel von Game of Thrones an und gehe dann um ein Uhr nachts – wieder einmal viel zu spät – ins Bett und warte darauf, dass mich der erbarmungslose Folterknecht, genannt Wecker, morgen pünktlich um 6:25 Uhr aus dem Schlaf reißt.

...Hinter den Kulissen

...Hinter den Kulissen

Der sauftiroler Teufelskreis.... HÄ!?

Der sauftiroler Teufelskreis.... HÄ!?