Lithiumionen vs. Muskelkraft

Lithiumionen vs. Muskelkraft

Michael Wohlgemuth, professioneller harter Hund und einer der besten Mountainbiker in Südtirol und Italien. Michael Brugger, Weltmeister im Dauergammeln und sitzt etwa zweimal im Jahr auf einem Drahtesel. Nicht gerade eine Kombination von der man erwarten würde, dass sie gemeinsam um die Wette fährt. Doch sag niemals nie – denn irgendwie habe ich mich überreden lassen, eine Tour mit dem Wilier-Fahrer zu machen.

Ursprünglich geplant war übrigens eine Trekking-Tour, also zu Fuß. Am Tag zuvor erhalte ich eine Nachricht, wir könnten doch auch eine Runde mit dem Rad drehen. Schluck. Wie soll ich denn bitte mit einem Profi mithalten können? Die Erwähnung des Wortes E-Bike wirkt dabei auch nicht wirklich beruhigend. Dass ich in dieser Nacht überhaupt schlafen konnte, grenzt an ein Wunder. Doch, meine Lieben, das E-Bike ist eine der größten Erfindungen der Menschheitsgeschichte.

Die ersten paar hundert Höhenmeter sind schnell bewältigt, wenn man von einem überraschenderweise leise surrenden Elektromotor quasi geschoben wird. Man muss zwar noch selbst Kraft investieren, doch die elektronische Unterstützung sorgt dafür, dass man es nicht merkt, wie einem der letzte Rest Energie aus der hintersten Falte seines Körpers (das darf man ruhig auf beide möglichen Art und Weisen verstehen) gezogen wird. Und während man gefühlt wie auf einem leichten Wölkchen den Berg hinauf getragen wird, bereiten sich Gehirn und Körper unterbewusst schon auf die Übelkeit und den Schwindel in der ersten Pause vor. Ich sagte doch, ich sitze nur etwa zweimal im Jahr auf dem Rad.

Übelkeit wegen Unsportlichkeit mal beiseite, macht es richtig Spaß, Offroad zu fahren. Mal hier, mal da stehen bleiben für ein paar Fotos, dann weiter und nebenher ein wenig plaudern über dies und das. Ich hatte mir das alles echt schlimmer vorgestellt. Und wenn man zwischenzeitlich den Motor abstellt, weil man merkt, man kann alleine und aus eigener Kraft ganz gut mithalten, ist das ein psychischer Bonus von ungeheurem Wert – bis die nächste Steigung kommt.

Als hätte ich plötzlich einen Sandsack als Ballast, fühlt es sich an, komme ich ohne Unterstützung vom Motor von der Ebene in die Steigung. Schnell reagiert, das Fahrprogramm auf Turbo gestellt und das leichte Wölkchen trägt mich wieder den Berg hinauf. Irgendwann leider – und ohne es zu merken – ist dann aber auch die allerletzte Kraft in den Beinen verbraucht und ein Elektromotor kann daran auch nicht viel ändern. Lass mich hier zurück! Lass mich bitte sterben! Das allerschlimmste aber, das Rad den Berg hochzuschieben, ist wesentlich anstrengender, als mit Krämpfen in den Beinen hochzuradeln. Mit fünf Päckchen Magnesiumpulver intus schaffe ich es, die Steigung irgendwie zu bewältigen. Die Demütigung vor den Flachlanddeutschentouristen, die an mir vorbeisurren, ist groß.

Langsam macht sich mein Hintern bemerkbar, der die letzten 500 Höhenmeter unfreiwillig in den harten Fahrradsattel einmassiert wurde. Sich jetzt noch darauf hinsetzen fällt schwer. Tut es auch noch in diesem Moment, in dem ich diesen Artikel hier schreibe. Dann geht es also stehend weiter. Ist beim Bergabfahren über eine Buckelpiste – freundlich formuliert – auch besser.

Das letzte Stück dann zu Fuß. Oben angekommen schleicht sich ein Gefühl der Begeisterung, der Erleichterung und des Glücks ein. Für jemanden, dessen bislang größte zurückgelegte Stecke auf einem Fahrrad sich auf zwei Kilometer beschränkt, glaube ich, hatte ich das Recht, stolz auf mich zu sein.

Rückblickend betrachtet, hatte die Tour Höhen und Tiefen – eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Berauschend und beängstigend. Für meinen Freund Michael Wohlgemuth, den professionellen harten Hund, war es aber eine gewöhnliche Trainingsfahrt, wie jede andere.

Tu es einfach!

Tu es einfach!

Herbst im Hochgebirge

Herbst im Hochgebirge